de

Zur Geschichte des Museums für Völkerkunde Dresden

Die ältesten Objekte des Museums für Völkerkunde, die sich teilweise schon zu kleinen Sammlungen fügten, stammen aus der 1560 von Kurfürst August von Sachsen gegründeten Kunstkammer. Die fürstliche Sammeltätigkeit wurde im 16. und 17. Jahrhundert intensiv fortgeführt. Der anwachsende Objektbestand fand neben der Kunstkammer auch in den Rüstkammern Aufnahme. In sogenannten Inventarien wurden diese Sammlungen erfasst und beschrieben. Vor allem unter August dem Starken, seit 1696 König von Polen, ist in den nunmehr königlichen Sammlungen ein enormer Zuwachs an Ethnographica zu verzeichnen.

1875 gründete der Mediziner Hofrat Adolf Bernhard Meyer im Zuge der fortschreitenden Differenzierung von Natur- und Geisteswissenschaften eine ethnographische Abteilung im Naturhistorischen Museum. Drei Jahre später erhielt es den Namen Königliches Zoologisches und Anthropologisch-Ethnographisches Museum. Seine Arbeitsräume und Schausammlungen befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Dresdner Zwinger.
Als Mitglied der "Gesellschaft der deutschen Naturforscher und Ärzte" war Meyer, der in regem Austausch mit anderen Universalgelehrten seiner Zeit wie etwa Rudolf Virchow oder Adolf Bastian stand, ganz der Wissenschaft verpflichtet. Unter seiner Leitung entwickelte sich das neugegründete Museum zu einer fachwissenschaftlichen Institution, gewidmet der Forschung und Bildung. Im Mittelpunkt des wissenschaftliche Interesses standen damals materielle Zeugnisse von Völkern und Regionen, in denen man – geprägt vom damals fortschrittlichen Evolutionismus – einen Urzustand der Menschheitsentwicklung zu erkennen glaubte. Hauptforschungs- und Sammelgebiet war in dieser Zeit der indonesisch-ozeanische Raum. Meyer gelang es, zahlreiche Förderer für das Museum zu gewinnen. Allen voran ist Arthur Baessler zu nennen, der die Sammlungen um mehr als 5000 Objekte von heute unschätzbarem Wert bereicherte.

Oberstes Ziel des zweiten Direktors Arnold Jacobi war es, alle Sammlungsbereiche mit Fachspezialisten zu besetzen. Die damit am Museum tätigen Zoologen, Anthropologen und Ethnologen übernahmen parallel zu ihrer Museumsarbeit Lehraufträge an sächsischen Akademien. Der dadurch gegebene permanente Austausch von Sammlung, Forschung und Lehre garantierte eine hohe Qualität und Aktualität bei wissenschaftlichen Publikationen sowie wissenschaftlich fundiertes Vorgehen bei der Erweiterung der Sammlungen und deren Dokumentation.

In der Zeit des Dritten Reiches, die zur fast vollständigen Zerstörung von Teilen Dresdens führte, konnten die Museumsbestände dank günstiger Umstände rechtzeitig ausgelagert werden. Einzig die in einer Ausstellung in der Orangerie "An der Herzogin Garten" befindlichen Objekte, zu denen leider bedeutende Großobjekte gehörten, wurden zerstört. Auch der Verlust von Teilen der historischen Bildsammlung muss beklagt werden. Bereits 1946 konnten die ausgelagerten Bestände den nun getrennten Staatlichen Museen für Völkerkunde und für Tierkunde wieder zur Verfügung gestellte werden. Die anthropologische Sammlung wurde in die Bestände des Museums für Völkerkunde eingegliedert.
1954 bezog das Museum für Völkerkunde Räume im Japanische Palais.
Drei Jahre später stand dem Museum mit Siegfried Wolf wieder ein fachwissenschaftlicher Leiter vor. Unter seiner Leitung wurde vor allem die Afrikaforschung forciert sowie die ergologischen und technologischen Studiensammlungen mit weltweiten Belegen ergänzt. Die dominierenden Quellen des Sammlungsausbaus nach 1945 waren Privatsammlungen und der staatliche Handel. Daneben kamen aber auch Belege aus regionalen Studien hinzu. Das kulturpolitische Ziel dieser Zeit war nunmehr die historische Dokumentation des kulturellen Schaffens der Völker der Welt. Zu verstärkten Feldforschungen durch wissenschaftliche Mitarbeiter des Museums kam es nach 1989. So wurden u. a. Untersuchungen und Objektankäufe in Tunesien, Brasilien, Indonesien und Papua-Neuguinea vorgenommen.

Gegenwärtig umfasst die ethnographische Sammlung ca. 90.000 Objekte, welche seit 1881 in Katalogen und regionalen Karteien erfasst und dokumentiert werden. 1999 wurde für die Sammlungen ein modernes Depot- und Funktionsgebäude, der A. B. Meyer-Bau, in Dresden-Klotzsche errichtet.

Auf Beschluss des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst fusionierten im Jahr 2004 das Völkerkundemuseum zu Leipzig und das Staatliche Museum für Völkerkunde Dresden mit der Außenstelle Völkerkundemuseum Herrnhut zu den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen unter Leitung des Ethnologen und Amerikanisten Claus Deimel.



Geschichte des Museums für Völkerkunde Dresden

1560 Gründung der Kunstkammer unter Kurfürst August I. von Sachsen. In dieser werden als Curiositas auch ethnographische Objekte aufbewahrt. Neben der Kunstkammer bestehen die Rüstkammern, in denen besonders in der Indianischen Cammer und nach 1683 in dem Tükischen Zelt außereuropäische Gegenstände angehäuft wurden.    
1727 Stiftung der Öffentlichen Königlichen Sammlungen, die im neu errichteten Zwinger untergebracht werden; Kunstkammer und naturwissenschaftliche Sammlungen werden getrennt.    
1832 Einrichtung des Königlichen Historischen Museums aus Beständen der Rüstkammer und Teilbeständen der Kunstkammer mit Indianischer Abteilung. In dieser befinden sich bereits etwa 2000 ethnographische Gegenstände aus aller Welt.    
1855 - 1869 W. C. v. Schierbrand – sächsischer Militär in niederländisch-ostindischen Diensten – spendet einen entscheidenden Teil des Grundstocks der ethnographische Sammlung des Historischen Museums.    
1840 - 1864 C. G. Carus legt eine Anthropologische Sammlung an der Medizinisch-Chirurgischen Akademie an.    
1867 Bildung des Anthropologischen Kabinetts im Königlichen Naturhistorischen Museum, dessen Grundstock die Carus-Sammlung war.    
1875 Im Königlichen Naturhistorischen Museum erfolgt die Neugründung einer Ethnographischen Abteilung als Unterabteilung des Anthropologischen Kabinetts durch Adolf Bernhard Meyer. Neubezeichnung des Naturhistorischen Museums als Königlich Zoologisches und Anthropologisch-Ethnographisches Museum. Übernahme der Indianischen Abteilung aus dem Historischen Museum.    
1875 - 1905 Unter dem Mediziner und Direktor Adolf Bernhard Meyer erste größere Entwicklungsperiode der völkerkundlichen und anthropologischen Sammlungen; Spezialisierung auf ozeanische und malaiische Inselgebiete.    
1881 - 1903 Herausgabe der Publicationen aus dem Königlichen Ethnographischen Museum zu Dresden.    
Seit 1887 Herausgabe der Abhandlungen und Berichte aus dem Königlich Zoologischen und Anthropologisch-Ethnographischen Museum zu Dresden.    
1899 - 1905 Förderung des Museums durch den vermögenden Industriellen Arthur Baessler.    
1906 - 1936 Unter dem Zoologen und Direktor Arnold Jacobi Ausweitung der völkerkundlichen und anthropologischen Sammeltätigkeit.    
1908 - 1931 Während dieser Zeitspanne mehrere Sammelreisen verschiedener Forscher, u.a. die Neuguinea-Expedition 1910.    
1920 Umbenennung in Museen für Tierkunde und Völkerkunde Dresden Das Museum erhält im Orangeriegebäude in der Herzogin Garten zusätzliche Depot- und Sonderausstellungsräume.    
1940 - 1945 Auslagerung von Archivunterlagen und Sammlungen. Vernichtung eines Teils der in Ausstellungen verbliebenen Großobjekte während der Bombardierung Dresdens.    
1945/46/47 Nach Beendigung des II. Weltkrieges Trennung der Museen für Tierkunde und Völkerkunde. Das Museum für Völkerkunde wird der Hauptverwaltung der Staatlichen Museen, Schlösser und Gärten im Lande Sachsen unterstellt.    
1953 Das jetzt Staatliche Museum für Völkerkunde Dresden – Forschungsstelle – wird dem Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen unterstellt. Beginn der Wiedereinrichtung des Museums    
1954 - 1957 Umzug vom Zwinger in das Japanische Palais.    
1957 - 1972 Unter der Leitung des Direktors Siegfried Wolf erste Phase als selbständiges Völkerkundemuseum.    
Seit 1962 Wiederherausgabe der Abhandlungen und Berichte des Staatlichen Museums für Völkerkunde Dresden    
1962 - 1988 In dieser Zeitspanne mehrere Forschungsreisen, z.T. mit Sammlungserwerbungen in Vietnam, Kuba, Chile, Ekuador und Indien.    
1975 Das Völkerkundemuseum Herrnhut wird Außenstelle des Staatlichen Museums für Völkerkunde Dresden.    
Seit 1977 Unter Direktor Peter Neumann Beginn der Ausstellungstätigkeit im Japanischen Palais – bis heute wurden mehr als 80 Sonderausstellungen gezeigt. Herausgabe der populärwissenschaftlichen Reihe Kleine Beiträge aus dem Staatlichen Museum für Völkerkunde Dresden.    
1979 Wiedereröffnung der Anthropologischen Abteilung des Staatlichen Museums für Völkerkunde Dresden.    
Seit 1990 Forschungsreisen mit z.T. bedeutenden Sammlungserwerbungen in Brasilien, Tunesien, Indonesien und Papua-Neuguinea.    
1999 Die Sammlungen und Werkstätten erhalten ein neues Domizil im Depot- und Funktionsgebäude ("A. B. Meyer-Bau") in Dresden-Klotzsche, dessen Planung unter Direktor Heinz Israel erfolgte.    
2004 Das Staatliche Museum für Völkerkunde Dresden mit seiner Außenstelle, dem Völkerkundemuseum Herrnhut, und das Museum für Völkerkunde zu Leipzig fusionieren zu den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen unter Direktor Claus Deimel.    
Adolf Bernhard Meyer - Gründer und Direktor des Museums von 1875 bis 1905
Adolf Bernhard Meyer - Gründer und Direktor des Museums von 1875 bis 1905
Der Dresdner Zwinger - Blick auf Ostportal und Schloss
Der Dresdner Zwinger - Blick auf Ostportal und Schloss
Blick in die Schausammlung im Dresdner Zwinger: der Oberlichtsaal mit der Korea-Abteilung
Blick in die Schausammlung im Dresdner Zwinger: der Oberlichtsaal mit der Korea-Abteilung
Blick in die Schausammlung im Dresdner Zwinger: Der Quersaal mit dem koreanischen Wegegott
Blick in die Schausammlung im Dresdner Zwinger: Der Quersaal mit dem koreanischen Wegegott
Blick in die Schausammlung im Dresdner Zwinger: Die Amerika- und Afrikaabteilung
Blick in die Schausammlung im Dresdner Zwinger: Die Amerika- und Afrikaabteilung
Arthur Baessler - der bedeutendste Förderer des Museums in der Zeit von 1899 bis 1904
Arthur Baessler - der bedeutendste Förderer des Museums in der Zeit von 1899 bis 1904
Arnold Jacobi - Direktor des Museums von 1906 bis 1936
Arnold Jacobi - Direktor des Museums von 1906 bis 1936
Das Japanisches Palais - seit 1957 Heimstatt des Staatlichen Museums für Völkerkunde Dresden
Das Japanisches Palais - seit 1957 Heimstatt des Staatlichen Museums für Völkerkunde Dresden
Das 1999 erbaute Depot- und Funktionsgebäude (A. B. Meyer-Bau) in Dresden-Klotzsche.
Das 1999 erbaute Depot- und Funktionsgebäude (A. B. Meyer-Bau) in Dresden-Klotzsche.
Die Depots im neuen Funktionsgebäude in Dresden-Klotzsche verfügen über eine moderne Möblierung - Blick ins Textildepot
Die Depots im neuen Funktionsgebäude in Dresden-Klotzsche verfügen über eine moderne Möblierung - Blick ins Textildepot